nach Anton Pawlowitsch Tschechows „Onkel Wanja“

von Simon Stephens, Deutsch: Barbara Christ

Regie: Felix Bachmann, Bühne: Kaspar Zwimpfer, Kostüm: Martina Müller, Musik: Dominik Dittrich

mit Oliver Mommsen

Wiederaufnahme vom 22.07.2026 bis 16.08.2026

Komödie am Kurfürstendamm im

Neuen Haus des Berliner Ensemble

Im vergangenen August gelang Theaterchef Martin Woelffer und Oliver Mommsen ein Coup: Im ausverkauften Neuen Haus des Berliner Ensemble verkörperte Mommsen alle acht Rollen in Simon Stephens „Vanya“ nach Tschechows „Onkel Wanja“. Publikum und Presse waren sich einig: Er macht das grandios. Auch in Hamburg und Winterthur begeisterte Mommsen das Publikum.

Oliver Mommsen über Tschechow

Ungefähr anderthalb Regalmeter Tschechow hat Mommsen in seiner Wohnung. Neben dessen großartigen Stücken mag er auch seine zahlreichen Kurzgeschichten. Für ihn ist Tschechow „einer der größten Menschenliebhaber, den ich kenne. Der guckt uns so wunderbar auf den Mund, auf die Seele, ins Herz. Er sieht unsere Schwächen und unsere Wünsche, und niemals bewertet er“, schwärmt der Schauspieler. 

Der Autor Simon Stephens über Tschechow

Auch Autor Simon Stephens outet sich als großer Tschechow-Fan. In einem Interview mit dem Onlinemagazin London Cult erklärt er, Tschechow sei nicht nur sein Lieblingsdramatiker, sondern auch sein Lieblingsschriftsteller und Briefeschreiber. Er rühmt dessen Klarheit und Wahrhaftigkeit und sagt über ihn: „Er schrieb für die Zuschauer, für die Menschen. Er schrieb über das Leben. Über Menschen, die pleite waren, die all ihr Geld verloren hatten … Er schrieb über Menschen, die Sex wollten, die betrunken, gewalttätig und streitsüchtig waren. Und er schrieb über ihre Torheit, ihre Trauer, ihre Verzweiflung – und über ihre Würde und Sanftmut.“

„Onkel Wanja“ und „Vanya“

Legt man Tschechows „Onkel Wanja“ und Stephens „Vanya“ nebeneinander, stellt man fest, dass Stephens eine sehr reduzierte, heutige Fassung geschrieben hat. Die Sprache, die seine Figuren sprechen, ist modern und explizit. Da ist jemand schon mal ein „alter Sack“ oder eine „Arschgeige“, der bei Tschechow ein „alter Zwieback“ oder „ein gelehrter Stockfisch“ ist. Stephens verlegt den Handlungsort von Russland nach Irland, bleibt aber auf dem Land – auf einem Kartoffelhof. Und er macht aus Tschechows Wissenschaftler Alexander einen Filmregisseur. Das Wesentlichste allerdings ist, dass seine Fassung ein Ein-Personen-Stück ist. Die Uraufführung von „Vanya“ fand 2023 mit Schauspieler Andrew Scott am Duke of York’s Theatre in London statt. Regie führte Sam Yates. Die Inszenierung gewann zahlreiche Preise und gastierte in diesem Jahr in New York.

Regisseur Felix Bachmann über „Vanya“

Felix Bachmann inszenierte „Vanya“ für die Komödie und natürlich war ihm bewusst, wie groß die Herausforderung ist, die unterschiedlichen Figuren für das Publikum sichtbar zu machen: „Am Anfang des Abends sollen sie sehr klar gezeichnet sein, denn die Zuschauer müssen die einzelnen Charaktere und ihre Konflikte kennenlernen. Allerdings kann es im Laufe der Vorstellung auch reizvoll sein, die Besucher ein bisschen ‚Detektiv‘ spielen zu lassen und selbst herauszufinden, mit wem sie es gerade zu tun haben.“

Oliver Mommsen über die Figuren

Michael

„Die Figuren haben alle ihre Agenda. Die Eintrittskarte in das Stück war für mich Michael. Er ähnelt wahrscheinlich auch am meisten Tschechow. Er ist Arzt und leidenschaftlicher Gärtner –wie Tschechow. Er ist der Forscher, der Besonnene, der auf alle draufschaut. Wenn er das Gefühl hat, dass er das alles nicht mehr aushält, betrinkt er sich hemmungslos.“

Helena

„Helena ist die Figur, an der sich alle die Zähne ausbeißen. Michael ist in sie verliebt, Vanya verrückt nach ihr. Zu Vanya sagt sie zum Beispiel: ‚Tut mir leid, aber jedes Mal, wenn Du anfängst zu reden, dös ich einfach weg.‘ Die Frau kann einem weh tun. Böse ist auch, wie sie Sonia ausspielt. Trotzdem wird man sie verstehen.“

Alexander

„Bei Alexander denkt man zu Anfang: Was für ein Widerling. Aber wenn der sagt: ‚Ich hab Angst, dass ich sterbe. Ich will wieder berühmt sein, ich will mein altes Leben zurück, ich will, dass die Leute mich lieben‘ – ist das alles so menschlich. Das ist nie künstlich, sondern immer echt.“

Sonia

„Sonia ist eine Seele, aber auch nicht nur lieb. Die hat richtig Kante und durchschaut Helenas Spiel ziemlich gut. Sie ist auch bedürftig. Sonia ist seit sechs Jahren in Michael verliebt und kommt nicht an ihn ran – dazu benutzt sie Helena.“

Ivan

„Ivan steht ganz schön unter Strom, der ist sehr explosiv und natürlich macht es dann auch irgendwann bum! Anfangs hatte ich den Eindruck, dass er immer nur meckert, aber das stimmt gar nicht, denn nach und nach deckt er seine eigenen Lebenslügen auf. Schön ist auch, wenn Elisabeth zu ihm sagt: ‚Deine Überzeugungen sind nicht das Problem. Du bist das Problem!‘“ 

Liam

„Liam fand ich ganz lange sehr eindimensional, aber wenn er schildert, wie er zu seiner Ex-Frau, die ihn am Tag nach der Hochzeit wegen eines anderen verlassen hat, trotz allem steht, hat das Klasse.“

Marina

„Marina ist nicht nur einfach der gute Geist des Ganzen. Mit ihr würde ich mir wahnsinnig gerne so richtig einen reinschütten und ihr eine ganze Nacht lang dabei zuhören, was sie auf diesem Hof schon alles erlebt hat.“

Elisabeth

„Ihr Sohn sagt unter anderem über sie: ‚… mit einem Auge blickt sie ins Grab, mit dem anderen liest sie in sämtlichen Zeitungen, dass das Leben in ihrem Alter erst beginnt.‘ Abgesehen davon ist sie ganz klar Team Alexander und verdrängt erfolgreich, dass ihr viel zu alter Schwiegersohn seit siebzehn Jahren nichts mehr hinbekommen hat.“

„Keine von Tschechows Figuren ist eindimensional“

„Wichtig für mich ist, dass die Zuschauer acht wirklich lebendige Menschen sehen. Da ist so viel in ‚Vanya‘ vereint: All die Figuren haben Sehnsüchte und wollen ganz viel. Sie sitzen aber auf diesem Kartoffelhof fest und schaffen den Absprung nicht. Die Gefühle der Figuren sind sehr nachvollziehbar. Man fiebert mit ihnen“, erklärt Oliver Mommsen. Und er fügt hinzu: „Ich liebe sie alle. Bei mir ist das ein bisschen so, als würde ich Schach gegen mich selbst spielen. Ich frage mich ständig: Auf wessen Seite bist du? Das Schöne ist, dass Tschechow es schafft, dass wir die ganze Zeit bei den Figuren bleiben.“

VANYA

Wiederaufnahme vom 22.07.2026 bis 16.08.2026

Komödie am Kurfürstendamm im

Neuen Haus des Berliner Ensemble

Bertolt-Brecht-Platz 1, 10117 Berlin

Karten ab 42 € unter 030/88 59 11 88 und unter www.komoedie-berlin.de