Eine Filiale von Kräuter Kühne zu betreten, ist wie mitten in einer Wildwiese zu stehen und 1001 würzig-blumige Aromen zu riechen. Es duftet nach allem, was die Natur an Gutem und Heilsamen zu bieten hat. Wir nehmen sehr traurig noch einen tiefen Atemzug, denn Ende September sollen die fest im Stadtbild verankerten Filialen durch eine Geschäftsübernahme nach 70 Jahren schließen.

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Historische Fotos: Kräuter Kühne

Seit 1957 – dem Eröffnungsjahr der ersten Filiale in der Rheinstraße in Berlin-Steglitz, beschäftigte sich das solide wachsende Unternehmen mit der Heilkraft von Pflanzen und „wirksamen, zugelassenen Arzneimitteln und hochwertigen naturkonformen Erzeugnisse, die schon unzählig vielen Menschen geholfen oder sie gar geheilt haben (Kräuter Kühne)“: Die Ladenarchitektur ist einladend hell. Sonnig gelb und grün leuchtet die KK-Markenfarbe. Die Wände bestehen aus zig Regalen. Noch sind sie Wand hoch mit Ware bestückt. In unzähligen Boxen, kleinen Schachteln und Schubladen ruhen über 230 heimische und internationale Heilkräuter, 75 Teesorten von schwarzem über grünen und roten Tee bis hin zu Aryurveda- und Wellness-Tees, Früchte-, Mate- und Kräutertees, ein Spektrum an 75 Gewürzsorten- und Mischungen, über 20 verschiedene Bonbon-Sorten sowie Arzneitees und -Präparate. Hinzu kommen Nahrungsergänzungsmittel (wie Omega-3) und andere „LEBENS-Mittel, die hier weit über ein halbes Jahrhundert über den Tresen wanderten. Eine Auswahl an pflanzenbasierten Kosmetika und Wellness-Produkten wie Duschgele, Badezusätze, Haarpflegeprodukte, Gesichtscremes, Hautöle und Körperlotionen, Pflegecremes, Franzbranntweine, Duftöle und Teebaumölprodukte sind ein weiterer Teil des Potpourris.

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Kräuter Kühne ist und war ein Berliner Traditionsunternehmen, das sich durch das fachkundige Wissen und die Kompetenz jeder einzelnen Verkaufskraft hinter den Tresen sogar weltweit einen Namen gemacht hat. Das Unternehmens-Credo: „mit dem Gegebenen sparsam und behutsam umzugehen und es so wirkungsvoll wie möglich anzuwenden“ machte Kräuter Kühne zu einem Berliner Pionier in Sachen Nachhaltigkeit: „Moderates Wirtschaften mit vorhandenen Ressourcen – zum Wohle unserer Kunden“, ist auf der Profilseite zu lesen. „Wir verneigen uns vor den Pflanzen, entnehmen ihnen nur das Beste und bieten es der Gesundheit an“, eine weitere Firmenphilosophie des Gründers Hans-Joachim Kühne. Der hatte bereits kurz nach dem 2. Weltkrieg intensiv mit Heilkräutern, deren Anwendung und Wirkung beschäftigt und viele Studien und Bücher dazu gelesen, in Klosterarchiven gestöbert. Ist dieses kräuter-kundige Wissen doch so alt wie die Menschheit. Gegen alles, sei es eine Erkrankung der Atemwege, Verdauungs- oder Hautproblem ist ein Kraut gewachsen. Durch langjährige Beobachtungen und das freie Experimentieren stellten sich Ergebnisse ein, die in alten Klosterbüchereien gesammelt wurden. Hier entstanden große Sammlungen mit Wissen über Kräuter, Rezepturen und Anwendungsbeispielen. Im Mittelalter wurden Klostergärten angelegt, Kräuter aus der heimischen Natur kultiviert und auf die verschiedensten Arten verarbeitet und haltbar gemacht. So entstanden schon vor vielen Jahrhunderten Arzneipräparate aus natürlichen Inhaltsstoffen. Das Wissen um Heilkräuter wurde von Generation zu Generation weitergegeben (bis die Pharmakonzerne und Lobbiesten ihren Deckel darüber hielten).

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Bereits1949 gründeten Hedwig Kühne und ihr Sohn Hans-Joachim die Chemischen Fabrik Kühne GmbH in Stuttgart, aus der später die BIO-DIÄT-BERLIN GmbH hervorging. In der schweren Nachkriegszeit widmete sich die Firma der Produktion dringend benötigter Bedarfsartikel wie Seifen, Rasierschaum, Eka-Einmache-Tropfen (ein Präparat zum Einmachen von Obst, das noch heute hergestellt und verkauft wird), verschiedener Sorten Kräuter-Bonbons, und anderer Produkte. Hans-Joachim Kühne gilt als Berliner BIO-Pionier und erkannte diesen Gral an Werten. All diese Erfahrungen, Erkenntnisse und sein Wissen um die natürlichen Heilungswege stellte er seinen Kunden und seinem bestens geschulten Personal bereits seit den frühen 50er Jahren zur täglichen Verfügung.

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Ein Wunsch – ein Weg: zu den heute 10 Filialen in Berlin eröffnete er weitere in Hannover und München. Neben der fachkundigen Beratung seitens der gut geschulten „Kräuter Kühne Family“ wurden alle eingehenden Lieferungen durch ein eigenes Kontrolllabor mit neuesten Analysengeräten geschleust und die Ware penibel kontrolliert. Das Gefühl von Vertrauen und sich gut beraten zu fühlen, kam bei Kräuter Kühne spürbar mit in jeden Kräuterkorb.

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Kräuter Kühne ging mit der Zeit: Im Onlineshop konnten sich Neu- und Stamm-Kunde von der Angelikawurzel über das berühmte Chinaöl bis zur Zitronenverbene oder seltene Gewächse wie Enzian- und Sonnenhutwurzel, Weißdornblüte oder Teufelskrallenwurzel dann New Economy-like alles virtuell nach Hause ordern – ein liebevoll geführter hauseigener Blog ergänzte mit noch mehr Tipps und Rezepten.

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Aber am meisten schätzt man bei Kräuter Kühne das Gefühl, entschleunigt am Tresen zu stehen, zu schnuppern, mit einer der langjährigen Verkäufer*innen zu plaudern, alle Fragen stellen zu dürfen und dann mit Tütchen und Gläschen voller gesunder Zutaten für Tee, Tinktur, Saft, Creme, Sirup oder Bad nach Hause zu pilgern. Das ist, war und wird unersetzbar bleiben. Umso grösser war der Schock für die Kunden von der anstehenden Schließung in den örtlichen Medien zu erfahren.

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Bis zur Übernahme durch die neuen Inhaber im Oktober 2017 wurde Kräuter Kühne von der Frau des Firmengründers und deren Sohn Hubertus Kühne geführt. Dermapharm hatte das Heilkräuter-Unternehmen vor gut zwei Jahren gekauft und nun aufgrund von Rentabilitätsgründen die Schließung aller Filialen angekündigt.

Ende September (30.9.2019) wird Kräuter Kühne seine Pforten schließen – den etwa 50 Mitarbeitern wurde gekündigt. Ab dem 1.9. wird es einen Rabatt von 30 % auf alle Waren geben (einzelne Produkte, wie zum Beispiel das Chianaöl, sollen über bestehende Konzernressourcen weiter vertrieben und vermarktet werden).

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Aber das soll nicht der Grund sein noch einmal eine Filiale von Kräuter Kühne zu besuchen und den Gewürze- und Kräuterduft zu schnuppern:

Es geht darum die Atmosphäre eines liebevoll und verantwortungsvoll geführten Berliner Traditions-Fachgeschäfts aufzunehmen und sich für die vielen Jahre Beratung zu bedanken. Mit Kräuter Kühne verschwindet – im Jahre seines 70.Jubiläums – ein Herzstück des Berliner Einzelhandels, das mit der Zeit gegangen ist, was ihm gleichzeitig vielleicht sogar zum Verhängnis wurde. Die vegetarische, junge Szene (eben massgeblich Online User) und der Bedarf an natürlichen Produkten und den damit verbundenen Werten wächst doch gerade zu einem großen Markt!? Das wirft viele Fragen auf, warum sich ein Urgestein, das genau diese Produkte liefert nicht halten konnte.

Das Wissen der Verkäufer*innen wandert weiter und wird sich hoffentlich an einem anderen Ort manifestieren können …

GOOD KARMA KÜHNE!

Text: Anke Sademann

Fotos: Anke Sademann / Kräuter Kühne / Bio Diät Berlin

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Anmerkung der BERLIN FACES Redaktion:

Den betroffenen Verkäufer*innen möchten wir für ihre wunderbare Arbeit danken und ihnen auf ihrem weiteren Weg alles Gute wünschen! Sie wollten aus verständlichen Gründen vor Ort nicht weiter befragt oder fotografiert werden.

Der neue Eigentümer, der bayerische Konzern Dermapharm, bestätigte, die Produktion am Standort Berlin zu beenden und die Geschäfte zu schließen. Dermapharm begründete die Schließung damit, dass sich das Kräuter-Kühne-Sortiment nicht „langfristig profitabel fortführen“ ließe.“ Quelle rbb.24 / Abendschau, 09.07.2019

Öffnungszeiten der Kräuter Kühne Filialen bis zum 30.9.2019

Montag – Freitag: 08.45 – 13.00 und 14.00 – 18.00 Uhr
Samstag: 08.45 – 14.00 Uhr

Informationen über alle Filialen und optionalen vorterminlichen Filialschliessungen finden sich unter :
www.kraeuter-kuehne.de und www.bio-diaet-berlin.de

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